Über die Angst, etwas zu verpassen. Eine Kolumne von Kat Roi.
Es gibt Tage, an denen man gar nichts verpasst und trotzdem das Gefühl hat, nicht ganz am richtigen Ort zu sein. Man sitzt im Büro und denkt an die Selbstständigkeit. Man arbeitet selbstständig und denkt an mehr Freizeit. Man bleibt zu Hause und fragt sich, was draußen passiert. Man ist unterwegs und freut sich auf die Couch. Während man versucht, im eigenen Leben anzukommen, tauchen ständig andere Möglichkeiten auf. Andere Wege, andere Entscheidungen, andere Versionen von einem selbst. Dank Smartphone sind sie auch nie besonders weit weg.
Früher nannte man das vielleicht Neugier. Heute fühlt es sich manchmal eher an wie ein leises Grundrauschen, das ständig fragt, ob man gerade das Richtige macht. Das Schwierige daran ist, dass die Antwort selten kommt. Denn irgendwo gibt es immer etwas Spannenderes, Produktiveres, Sinnvolleres oder Schöneres. Zumindest in der Vorstellung. Und während man gedanklich zwischen all den anderen Möglichkeiten pendelt, passiert etwas Merkwürdiges: Man verpasst den einzigen Ort, an dem man tatsächlich gerade ist.
Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass es zu viele Möglichkeiten gibt. Vielleicht entsteht die Unruhe genau dort, wo man aufhört, dem eigenen Weg zu vertrauen.
Wofür ich mich entschieden habe
Nimm ein Blatt Papier und einen Stift und ziehe in der Mitte eine Linie. Auf die linke Seite schreibst du eine Entscheidung, die du irgendwann getroffen hast. Etwas, das dein Leben verändert hat, egal ob groß oder klein. Auf die rechte Seite schreibst du alles, was dadurch nicht passiert ist. Orte, Möglichkeiten, Begegnungen, Erfahrungen oder Wege, die du deshalb nie gegangen bist. Lies beide Seiten durch und schau sie dir einen Moment an.
Die meisten Entscheidungen schließen etwas aus. Genau deshalb sind sie Entscheidungen. Wenn du möchtest, markiere anschließend auf der linken Seite drei Dinge, die heute noch einen Platz in deinem Leben haben und für die du dankbar bist. Manchmal verschwindet die Angst, etwas zu verpassen, nicht dadurch, dass man mehr erlebt, sondern dadurch, dass man erkennt, was längst da ist.
Material: Papier und Stift. Zeit: etwa 5 Minuten.
Über die Autorin: Kat Roi ist Künstlerin, Designerin, Kunsttherapeutin und psychosoziale Beraterin und betreibt ein Atelier in Polling in Tirol. Mit künstlerischen Methoden bringt sie mehr Fülle in den Alltag. Mehr auf Instagram: @atelieroi.
Das Magazin der Akademie für Lebendigkeit. Hier erscheinen Kolumnen und Impulse von Miriam, Alexandra und wechselnden Gastautorinnen rund um Lebendigkeit, Körper, Bewusstsein und Business. Gastbeiträge sind im Text gekennzeichnet.

